Pisa © Roland Salz 2000 - 2015
Roland Salz                                                                      
                                                                      Meditationen über Architektur

III. Seelenkapelle

 

Der Rumpf der Seelenkapelle in der vorderen westlichen Friedhofsmauer scheint von vorn gesehen die Form eines hochkant gestellten Quaders zu besitzen, von etwa zweieinhalb Metern Höhe, zwei Metern Breite und anderthalb Metern Tiefe. Da seine Rückseite mit der Kirchhofsmauer fluchtet, ragt er ein Stück weit nach innen, in den Kirchhof hinein. Bei genauerem Hinsehen erkennt man aber, daß der Rumpf sich auf beiden Seiten gleichmäßig nach hinten verjüngt, so daß aus dem Quader ein hochkant gestelltes Trapezoeder wird. Auf seiner Vorderseite zeigt die Seelenkapelle zwei übereinander liegende Öffnungen: eine kleine, halbkreisförmige, direkt über dem Boden, mit einem schweren, schwarzlakierten Eisengitter verschlossen. Darüber eine breitere, in Form eines großen Rundbogenfensters, das bis in das auf der Vorderseite hochgemauerte Giebelfeld hineinragt. Diese größere Öffnung gibt eine Nische in Form eines Halbzylinders frei, der oben, hinter dem Rundbogen, von einer Kalotte (d.h. (Viertel-)Kugelkappe) abgeschlossen wird. Der Boden der Rundnische wird aus dicken, rechteckigen Platten aus rosafarbenem Marmor gebildet. Ihre Innenwand ist mit einem Fresko bemalt, das im oberen Teil noch gut erhalten, im unteren Bereich dagegen durch Verwitterung teilweise unkenntlich geworden ist.

          Die Seelenkapelle ist wie die Kirchofsmauer weiß getüncht. Ein schmales, ockerfarbenes Gesims, das ganz um den Bildstock herumgeführt ist, bildet die Kämpferlinie für den Rundbogen der Bildnische. Das breite, etwas oberhalb des Kämpfergesimses ansetzende Giebelgesims des von vorn gesehen steilen Satteldachs der Kapelle leuchtet ebenfalls in Ocker und fügt, folgt es doch einerseits der sich nach außen leicht abflachenden Dachform, wird es nach unten hin zudem selbst breiter, der Fassade eine schwungvolle Linie hinzu, die an japanische Kalligraphie oder an japanische Tempeldächer erinnert. An den Seiten und hinten wird es als Kranzgesims um die Kapelle herumgeführt. Das Dach steht nach vorn etwas über; der kurze First, den ein kleines lothringisches Kreuz ziert, endet bereits vor der Mitte des Baukörpers und macht einem Walm Platz, der nach Westen, zur Rückseite der Kapelle ausläuft, von Anfang an flacher als die Seiten des Satteldachs und sich wie diese im unteren Teil weiter abflachend. Die flache Abschrägung nach außen hat die Seelenkapelle mit der Kirchhofsmauer gemein, aus der sie herausragt, genauso wie die Bedeckung mit kleinen, rohen Holzschindeln; ihr geschwungenes, stark frontlastiges Dach - das den First zierende Doppelkreuz steht genau über der Vorderfront der Kapelle - verleiht ihr aber einen dynamischen Impuls, der unüberhörbar zum Portal der Pfarrkirche St.Michael weist.

          In ihrem unteren Teil ist die Seelenkapelle ein Ossarium, ein Beinhaus. Gut sichtbar für den hier, auf dem Kirchhof stehenden Betrachter, sind hinter dem schmiedeeisernen Gitter der unteren, kleinen, halbrunden Öffnung noch immer die Schädel der Verstorbenen, Begrabenen und nach langen Jahren wieder Ausgegrabenen aufgereiht. Früher erkannte man an ihnen den sorgfältig aufgemalten Namen, das Sterbedatum und einen schmückenden, ebenfalls in grün aufgemalten Kranz.

          Das Fresko in der großen Rundnische, dessen Urheber und Entstehungsjahr wie dasjenigen dieser Kapelle insgesamt unbekannt ist, wahrscheinlich aber auf die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückgeht, die Zeit des barocken Neubaus der Pfarrkirche, stellt das Jüngste Gericht dar. Während der obere, noch deutlich erkennbare Teil des Gemäldes den Himmel darstellt, das Paradies, mit einer Fülle von biblischen Figuren auf und zwischen fleischfarbenen Wolken, sind im unteren, stark verwitterten Teil Menschen dichtgedrängt in einer irdischen Landschaft zu erkennen, nackt und mit flehenden bis verzweifelten Gesten, angesichts der bevorstehenden Scheidung der Seligen von den Verdammten. Teufel aber, die diese abführen, oder gar der Höllenrachen selbst sind nicht zu erkennen.

          Ganz oben, in der Mitte der Kalotte, von einer leuchtend gelben, weit in die Bildfläche um ihn herum ausstrahlenden Gloriole umgeben, steht Christus auf einer Kugel, die von einem schwebenden Engel getragen wird. Während er sich mit der linken Hand an einem Kreuz festhält, das ebenfalls auf der kleinen Kugel steht, weist er mit der rechten Handfläche nach vorn, wie zum Gruß. Aber er zeigt seine Wundmale vor; außer dem Purpurmantel nur mit einem Lendenschurz bekleidet, ist es der "Wundmal-Christus", der auferstandene Christus als Weltenrichter. Um ihn herum schweben kleine, kindhafte Engel, ohne daß ihr Ausdruck und Tun allerdings näher zu identifizieren wäre. Von ihm aus gesehen rechts neben dem stehenden Christus sitzt Maria, die Mutter Gottes, in einem himmelblauen Gewand und blickt voller Andacht zu ihrem auferstandenen Sohn empor. Der links von Christus sitzende Mann ist von ihm abgewendet und weist, kauernd, mit zusammengekrümmtem Rücken, auf ein Buch, das ein weiterer Engel herbeibringt - offenbar das Buch, in dem die guten und die schlechten Taten verzeichnet sind. Wer aber ist diese links von Christus sitzende, wenig bekleidete Gestalt? Als Attribut trägt der jung wirkende Mann einen Kreuzstab. Es könnte sich also um Johannes den Täufer handeln, wie er in vielen Darstellungen des Jüngsten Gerichts zu finden ist, in dieser Anordnung mit Christus und Maria, der sogenannten Deesis. Seine im Vergleich zu Maria aber kleine, fast kümmerliche Figur und seine geringe Ausstrahlung lassen es aber auch möglich erscheinen, daß es sich um den heiligen Dismas handelt, den reuigen der beiden Schächer, dem Christus noch am Kreuz das Himmelreich versprochen hat und der ebenfalls oft auf Darstellungen des Jüngsten Gerichts zu finden ist.

          Die zentrale Figur des Freskos der Seelenkapelle aber, in Bildmitte, unterhalb des Weltenrichters und sogar etwas größer als dieser gemalt, ist der heilige Erzengel Michael. Schutzpatron der Pfarrkirche und somit in diesem Kirchhof allgegenwärtig, tritt er hier in seiner Rolle als Seelenwäger auf. Was drei Engel zwischen ihm und dem alles überragenden Christus mit ihren langen Posaunen ankündigen, führt Michael aus: mit einer Goldwaage in der linken und dem gezogenen Schwert in der rechten Hand kommt er jugendhaft und im Laufschritt vom Himmel geschwebt, in die leichte Phantasietracht eines Kriegers gekleidet, mit dunkelblauem Lendenschurz und turquisfarbenem Brustpanzer, einem großen, weißen Federbusch auf dem Bronzehelm und wehendem Purpurmantel zwischen den Schwanenflügeln.

 

 

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