Pisa © Roland Salz 2000 - 2015
Roland Salz                                                                      
                                                                      Meditationen über Architektur

I.2. Can Flor

Wir haben uns für einen der orangefarbenen Regiestühle im Freien entschieden, unmittelbar vor der Fassade der Llotja, und während wir auf den bestellten Cappuccino warten, den schwer gefüllten Tagesruck-sack auf den Nachbarstuhl abgestellt, schauen wir uns um. Der Himmel leuchtet wolkenlos, aber die Sonne hat die Plaça Llotja noch nicht erreicht, ist noch hinter der gegenüberliegenden Häuserfront verborgen. Das heißt, die Spitzen der schlanken, hohen Palmen sind schon von ihr beschienen, wie das bewegte Schattenspiel auf der Fassade der Llotja zeigt, und das helle Grün der Wedel vor dem Blau des Morgenhimmels lenkt den Blick unmerklich zu der einzig offenen Seite des Platzes hinüber, der nach Süden gerichteten, wo neben einem riesigen Gummi-baum immer mehr Palmen in der Ferne auftauchen und dazwischen der eine oder andere Segelmast.

 

 Am Stadtplan von Palma ist noch heute die gewaltige Wehranlage aus der Zeit der Renaissance ablesbar, als sternförmig gezackter Kranz, heute von Hauptverkehrs- bzw. Umgehungsstraßen. Dieses Bollwerk umschloß eine der größten und sicherlich auch schönsten Altstädte des europäischen Mittelalters auf ihren drei Landseiten. Auch die vierte Seite zum Meer hin war natürlich durch hohe Mauern gesichert, überragt nur von jenem Dreigestirn bestehend aus dem Palau de l’Almudaina, dem Königspalast, der imposanten, weithin sichtbaren und alles überragenden Kathedrale La Seu sowie auf ihrer anderen Seite dem Palau Episcopal, dem Bischofpalast. Aber die Wehranlage auf der Seeseite war zweigeteilt, denn eine Wasserstraße führte, unmittelbar unterhalb des Königspalasts vorbei, bis weit ins Zentrum der Altstadt hinein. Erst in den letzten Jahrhunderten wurde diese Riera, eine der vielen durch Palma verlaufenden und die meiste Zeit des Jahres ausgetrockneten Flußbette samt ihrer Mündungsbucht zugeschüttet, um die breite Avinguda d‘Antoni Maura und die oberhalb von ihr gelegene Flaniermeile des Born anzulegen, der seinerseits über die Unió mit der Rambla von Palma verbunden ist. Die Rieres erfüllten einen wichtigen Zweck, nämlich die gewaltigen, aus den nahen Berg-zügen kommenden Wassermassen der Sturzregen des Mittelmeerr-aums sicher an der Altstadt vorbei ins Meer abzuleiten. Leider gelang dies nicht immer, und wenn eine Riera über die Ufer trag, dann waren Hunderte, manchmal Tausende von Toten zu beklagen. Bis heute existiert eine solche Riera in Palma, entlang der ehemaligen westlichen Stadtbefestigung im Verlauf des Passeig de Mallorca, und führt unterhalb einer erhaltenen Eckbastion der Stadtmauer, dem heutigen Museo del Baluard, ins Meer. Während die Römerstadt auf dem Felsplateau lag, das sich zwischen der Kathedrale und dem Cort, dem heutigen Regierungsviertel genau im Mittelpunkt der Altstadt, erstreckt, bildete sich im Mittelalter sowohl am Oberlauf als auch am Unterlauf der zentralen Riera jeweils ein Siedlungskern heraus, die Vila de Dalt (Oberstadt) und die Vila d’Avall (Unterstadt). Innerhalb letzterer bildet die Plaça Llotja das Herz eines Viertels, gegenüber vom Königspalast, auf der anderen, der Westseite der Avinguda d‘Antoni Maura und unmittelbar am alten Hafen Palmas gelegen, das heute vor allem für seine zahlreichen Restaurants und sein Nachtleben mit Bars und einem Jazz-Club bekannt ist.

 Überall auf der Plaça klappert es um diese Zeit, werden Stühle aufgebaut, Tische abgewischt, Tafeln mit Speisen und Getränken ins Blickfeld derjenigen gerückt, die bald hier vorbeikommen werden, um vielleicht einen ersten Kaffee zu nehmen. Aber alles geht mit einer gewissen Gelassenheit und ohne Eile zu, denn der Alltag einer Café-Bar ist lang in Palma, und wer hier arbeitet, der muß sich die Kräfte einteilen: das Mittagsgeschäft wird erst gegen drei Uhr Nachmittag seinen Höhepunkt erreichen und das Abendessen nicht vor zehn Uhr nachts.

 Auf zwei Seiten wird die Plaça Llotja von vier- bis fünfstöckigen, meist schmalen und mit ihren unterschiedlichen Geschoßhöhen aneinander-gebauten Bürgerhäusern umgeben, auf deren flachen Dächern Terrassen angelegt sind, die man nur aus der Vogelperspektive sieht. In den oberen Stockwerken öffnen sich die Fassaden, die in immer neuen Tönen von beige und gelb verputzt sind, entweder mit großen, meist holzgerahmten Fenstertüren auf lange, von gußeisernen Geländern begrenzte Balkone, die so flach sind, daß man nicht auf ihnen sitzen kann, oder aber als ebenso flache, ganzflächig verglaste Erker, die im Sommer mit Vorhängen vor der Sonne geschützt werden müssen, sie im Winter aber um so tiefer ins Gebäude eindringen lassen. Sicherlich das bemerkenswerteste Exemplar dieser Bebauung ist ein Eckhaus am schmalen, dunklen Carrer Remolars, genau gegenüber vom Eingang der Llotja, das dem Zinnenkranz der spätgotischen Handelsbörse die in Stein gehauenen, in Eisen gegossenen und in Holz geschnitzten Blumenmotive des katalanischen Modernisme entgegenhält: die Can Flor.

 Wer sie von der Seite, dicht entlang der Häuserfront kommend erreicht, wird vielleicht gar nicht aufschauen, wird nichts Besonderes wahrnehmen und achtlos an ihr vorüberlaufen. Denn im unteren Teil stellt sich die anderthalb Stockwerke umgreifende dreifache Gebäude-öffnung um diese Zeit als eine Abfolge von noch verschlossenen Rolladen dar, unterbrochen von einer enormen zweiflügeligen Holztür mit gewaltigen gußeisernen Griffen. Nur eine schmale, in den rechten Flügel eingelassene Tür ist geöffnet, durch die man in ein Treppenhaus gelangt, indem man über den unter ihr verbliebenen Teil des Türflügels hinwegsteigt. Aber selbst wer im Vorbeigehen kaum den Blick vom Boden hebt, könnte bereits das kreisrunde Blütenrelief auf dem unteren Teil der beiden Türflügel bemerkt haben, gleichsam das Motto des Hauses, denn es kehrt in den vielfältigsten Variationen auf der Fassade wieder. Die vier pfeilerartig schlanken Mauerteile, die die dreifache, jeweils mit einem Korbbogen abgeschlossene Öffnung umfassen, weisen unten eine Art von Sockelzone auf, und wenn man hochblickt, erkennt man Konsolen, die ihnen im oberen Teil vorgelegt sind und die sich ganz oben trichterförmig, wie stilisierte Blütenkelche vergrößern, um den flachen Balkon der Beletage zu tragen.

 Über den beiden Rolläden links und rechts, hinter denen sich die Gastronomie betreffende Räumlichkeiten verbergen, ist auf hölzernen und außen mit Schnitzereien verzierten Decken ein Zwischengeschoß eingezogen, vielleicht mit kleinen, zu diesen Lokalitäten gehörenden Büroräumen, durch deren dunkelgrüne, verschlossene Klappläden mit den vielen Luftschlitzen man hören und sehen kann, was sich draußen zuträgt, ohne selbst bemerkt zu werden. In der Mitte dagegen erstreckt sich die Holztür mitsamt ihrem feststehenden Oberlicht über die gesamte Fassadenöffnung, schließt also ein Treppenhaus ab, dessen beachtliche Höhe und Repräsentanz in so erstaunlichem Kontrast zu dem kleinen Durchgang der Tür im Tor steht, wie man ihn bisweilen bei den Feiertagsseiten eines gotischen Flügelaltars im Vergleich zu seinen Alltagsseiten beobachten kann.

Die drei Öffnungen sind säuberlich durch die Hausnummern 3a, 3 und 3b gekennzeichnet, und tatsächlich kehrt die Zahl drei in verschiedener Weise im Schmuck der Konsolen wieder, zum Beispiel als dreifache Kannelierung. Die Blütenrosetten tauchen in verwandelter Form im oberen Teil der Holztür wieder auf, selbst noch in winziger Größe auf den Gittern vor ihren Oberlichtfenstern, aber auch auf den steinernen Konsolen. Das Motiv des Blütenkelchs wiederum findet sich als Echo im hölzernen Mittelstab, der die beiden vergitterten Oberlichter trennt. Wie in der Art von Kapitellen sind die Blütenkelche der Konsolen durch Kämpfer vom unteren, vertikalen Bereich abgetrennt, während sie ganz oben einen Kranz von Blattmotiven aufweisen, der an den üppigen Kapitellschmuck aus der Zeit der Romanik erinnert. Tatsächlich er-scheint die Pfeilerstellung jetzt wie eine Kolossalordnung, bestehend aus Basis-, Schaft- und Kapitellzone, aber eine in der Art des Jugend-stils verformte, verwandelte.

 Die drei Obergeschosse der Can Flor sind, wie bei fast allen Bürgerhäusern an der Plaça Llotja, untereinander ähnlich, aber nicht identisch aufgebaut. Die Fassade zeigt dreieinhalb Fensterachsen, mit der halben Achse auf der abgerundeten Ecke zum Carrer Remolars, dies allerdings nur in den Obergeschossen. Alle Maueröffnungen sind an den oberen Ecken ebenfalls abgerundet und werden von hölzernen Fenstertüren und grünen Klappläden verschlossen. Auf der runden Ecke sind aber weder die Fenster noch die Läden gewölbt, sondern die durch sie gebildete Front ist in die Rundung eingeschnitten. Im ersten und zweiten Obergeschoß ist den Öffnungen der Mittelachse ein we-sentlich größerer, aber flacher Wintergarten vorgelegt, mit schwungvoll im Jugendstil verziertem eisernem Rahmen. Von diesen beiden Geschossen ist die Beletage noch dadurch ausgezeichnet, daß sie mit einem umlaufenden, in der Flucht des Wintergartens liegenden und nur von ihm unterbrochenen Balkon ausgestattet ist, während das zweite Obergeschoß einen Balkon nur am Eckfenster trägt. Das oberste Stockwerk zeigt zusätzlich zum Eckfenster einen Balkon in der Mittel-achse, über den Wintergärten.

Das Motiv der der Wand vorgelegten, kannelierten und reichlich mit Blumenmotiven verzierten Konsolen, die teilweise zu Pilastern verlän-gert sind, zieht sich durch alle Geschosse. Unter dem weit auskragen-den Überstand des Flachdachs werden sie in der Mittelachse zu Doppelkonsolen, die auf ihren Einzelkapitellen jeweils ein weiteres, durch einen schweren zweiten Kämpfer abgeteiltes gekoppeltes Kapitell tragen. Auf ihrer Höhe wird das ganze Haus von einem breiten Gesims umgeben, in das wiederum Rosettenreliefs eingelegt sind. Besonders filigrane Verzierungen finden sich über den Eckfenstern, auf den Unterseiten der durch sie in die gerundeten Mauern geschnittenen Segmente. Im Erdgeschoß ist die Mauerrundung ohne Fenster und auf den ersten Blick völlig schmucklos. Nur ganz oben, genau in der Mitte zwischen den vegetabilen Kapitellen der Blütenkelchkonsolen von Vorder- und Seitenfront, prangt ein in seiner Form auf der Fassade einzigartiges Motiv, das organische und geometrische Elemente verbindet. Vom Zentrum eines nach unten gerichteten, muschelähnlich geformten Ausschnitts einer Blütenrosette verlaufen vier aneinander-gereihte steinerne Kugeln zu einer Art von Kämpferplatte nach oben, eingezwängt zwischen zwei starken, (spiegelbildlich) G-förmigen, streng rechteckig angelegten, aber sich diagonal aus der Fläche herausdrehenden Trägern.

 

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