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                                                                      Meditationen über Architektur

II. Ohiopyle Valley, Pennsylvania

 

Edgar J. Kaufmann stammte aus Pittsburgh, Pennsylvania, jenem tradi- tionellen, von Kohle und Stahl geprägten Industriezentrum, das zu den bedeutendsten in den Vereinigten Staaten gehört und heute 3,7 Mio. Einwohner zählt. Dem Besitzer des größten Kaufhauses am Ort, eines von seinem eingewanderten Vater und drei Onkeln gegründeten Fami- lienunternehmens, gehörte seit langem ein Waldstück in den Ausläu- fern der Appalachen, etwa 80km südöstlich der Stadt gelegen, das so- wohl der Familie als auch den Angestellten des Kaufhauses als Wo- chenend- und Ferienrefugium diente.

          Die Appalachen bilden in Pennsylvania ein von starker Erosion gekennzeichnetes Plateau. Im Gegensatz etwa zu den meisten deut- schen Mittelgebirgslandschaften sind die Erhebungen oben flach, lie- gen alle etwa auf gleicher Höhe und machen gegenüber den Tälern den flächenmäßig weitaus größeren Anteil aus. Die Flußtäler sind schmal, steil und tief und haben etwas Canyonartiges. Über weite Strecken ist diese Landschaft praktisch geschlossen bewaldet, fast ausschließlich Laubbäume überziehen die Hochebenen wie auch die Flußtäler und die vielfältig verästelten Übergänge zwischen beiden. Das Gebiet von Ohiopyle Valley, in dem das Kaufmannsche Grundstück liegt, ist dünn besiedelt. Agrarisch genutzte Flächen bilden lediglich kleine, zumeist auf den Hochebenen gelegene Inseln inmitten des Waldes. Zwischen den ärmlichen Farm-Häusern findet man vielerorts aufgelassene Kohle- bergwerke aus dem 19. Jahrhundert.

          Das Waldgrundstück der Familie Kaufmann, zwischen den Ortschaften Mill Run und Ohiopyle gelegen, hatte eine Größe von 640 ha und umschloß einen Wildbach, der sich vom Plateau kommend durch ein von ihm in Millionen von Jahren geschaffenes schmales Tal zum Youghiogheny River hinunterschlängelt. Der Youghiogheny River seinerseits mündet kurz vor Pittsburgh in den Ohio River und wurde von dorther früher mit einer Eisenbahnlinie erschlossen, die dem engen Tal hinauf folgte, mittlerweile jedoch stillgelegt ist. An der Stelle, an der Bear Run, jener durch das Kaufmannsche Grundstück fließende Wildbach, in den Youghiogheny River mündet, befand sich eine kleine, heute nicht mehr existente Bahnstation. Von hier führt aber noch heute ein Schotterfahrweg entlang des Baches steil das kleine Seitental hinauf und stößt unmittelbar vor dem Haus Fallingwater mit jenem anderen Weg zusammen, der von einem auf dem Plateau liegenden Highway kommend zu dem Haus hinunterführt.

          Schon seit 1890 war das mitten in der Natur gelegene Land links und rechts des Bear Run als Freizeitgelände genutzt worden, 1916 erwarb es Edgar J. Kaufmann mit demselben Zweck für die Angestell- ten seines Department Stores in Pittsburgh. Im Jahre 1921 errichtete Kaufmann auf dem Grund zusätzlich ein eigenes kleines Ferienhaus für sich und seine Familie.

          Anfang der 30er Jahre, in der Zeit der großen Depression nach dem Börsencrash von 1929, verfielen die Anwesen auf dem Gelände mangels Benutzung. Erst 1933, nachdem Kaufmann das Grundstück ganz für sich privat übernommen hatte, kam es wieder in Gebrauch. Es zeigte sich nun, daß das alte Ferienhaus inadäquat geworden war. Es lag unmittelbar an der Straße, die jetzt, in der Zeit des stark zunehmen- den Autoverkehrs, asphaltiert und zu einem State Highway erhoben worden war. Auch war das Haus nur als Sommerresidenz ausgelegt. Edgar J. Kaufmann schwebte es vor, sich hier in der Natur, nur zwei Autostunden von Pittsburgh entfernt, eine ganzjährig bewohnbare Wo- chenend- und Ferienunterkunft zu schaffen.

          Durch seinen Sohn sollte Kaufmann die Bekanntschaft von Frank Lloyd Wright machen, den er schließlich bat, das neue Chalet zu entwerfen. Edgar Kaufmann jr. hatte nach künstlerischen Studienauf- enthalten in Europa Wrights Autobiographie gelesen und war voller Begeisterung apprentice (Lehrling) in Wrights Taliesin Fellowship ge- worden, jener arts and crafts-Kommune in Spring Green, Wisconsin, wo Wright seit langem wohnte.

 

 

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