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Roland Salz                                                                      
                                                    Meditationen über Kunst und Landschaft

Bildnis Joseph Roulin, an einem Tisch sitzend

Vincent van Gogh, 1888

Van Gogh Bildnis Joseph Roulin, an einem Tisch sitzend

II.2. Joseph Roulin, Postbote und Freund

 

Einer der ersten Freunde van Goghs in Arles – und vielleicht der einzige wirkliche – ist der Postbote Joseph Roulin. Der Kontakt zu ihm ergibt sich ganz zwangsläufig, angesichts der umfangreichen Korres- pondenz, die der Maler führt, besonders nach Paris, und angesichts der Bedeutung, die die Sendungen vor allem seines Bruders Theo für ihn haben: ist doch in dessen Briefantworten nicht nur allmonatlich jener 50-Franc-Schein eingelegt, der Vincents einzige Einnahme zum Leben darstellt, mit dem er also Miete und Verpflegung bestreiten muß, sondern kommen doch von dem großzügigen Bruder auch die Farben und Leinwände per Post, die der Maler in großen Mengen benötigt. Im Gegenzug hat sich Vincent verpflichtet, Theo die fertigen Bilder zu übereignen. Hin und wieder schickt er deshalb an den Kunsthändler, der vom Talent seines Bruders so sehr überzeugt ist, ein paar Werke; aber von den meisten kann er sich nicht trennen, er stapelt sie in einem extra gemieteten Lagerraum oder schmückt die Wände seines Zimmers und Ateliers mit ihnen, unter dem Vorwand, sie seien noch nicht richtig trocken. An einen Verkauf dieser Bilder ist sowieso nicht zu denken. Zu neuartig, zu befremdlich ist das, was der holländische Maler hier macht.

          Van Gogh hat Mühe, in Arles Menschen zu finden, die ihm Modell sitzen. Der verschrobene Einzelgänger, der mit seiner Staffelei auf dem Rücken durch die Landschaft hastet, ist den meisten Bewohnern suspekt. Nur hin und wieder findet sich jemand, eine alte Frau, ein Zuave in seiner exotischen Uniform mit roter, schiefsitzender Mütze, oder ein junges Mädchen. Letzteres, von ihm die Mousmé genannt, portraitiert er vor einem einfarbig blaßgrünen Hintergrund, in einem geschwungenen Rohrstuhl sitzend, auf dem wenig später dann endlich auch der Postbote Platz nehmen soll.

          Am Tag, als dieser zum erneuten Male Vater geworden ist, kann Vincent ihn überreden. Seine Vorbehalte scheinen diesmal hintanzu- stehen angesichts der großen Gefühle des Festtages, die es festzu- halten, ja zu verewigen gilt.

          Von den sechs Portraits, die van Gogh im Laufe seiner Arleser Zeit vom Postboten malen wird, ist dieses erste Bild das einzige Kniestück, das das Modell also zu drei Vierteln darstellt. Alle anderen sind Bruststücke, das Modell also gleichsam nur als Büste wiederge- bend, und auch vom Leinwandformat her kleiner. Auf allen Bildern blickt Roulin den Betrachter frontal an, mit jeweils ähnlichem Gesichts- ausdruck. Wenn sich die Portraits trotzdem sehr unterscheiden, so durch rein malerische Kriterien: die Farbe und Strukturierung des Hin- tergrundes sowie die starken Stilisierungen, denen van Gogh Gesicht, Bart und Uniform des Beamten unterwirft. Bei dieser Technik der rein farblichen und stilisierenden Variation einer im wesentlichen gleich- bleibenden Bildvorlage könnte man sich aus heutiger Sicht an Andy Warhols koloristische Variationen einer Fotographie von Marilyn Mon- roe erinnert fühlen; eine sehr moderne Verfahrensweise nimmt der Holländer also vorweg.

          Auf dem ersten Portrait sitzt der Postbote also in dem dunkel- braunen Rohrstuhl mit der geschwungenen Rückenlehne und den ge- schwungenen Armlehnen, den der Betrachter schon von der Mousmé her kennt. Wiederum ist der Stuhl leicht schräg nach rechts gedreht (vom Betrachter aus gesehen), und rechts vorn ist die Ecke eines grünen Holztisches zu erkennen, auf die Roulin seinen linken Arm gelegt hat. Der andere Arm ruht auf der Lehne des Stuhls.

          Der Postbote ist ein großer, schwerer Mann im besten Alter, mit einem üppigen, zweigeteilten Vollbart, auf dem der breite Kopf fest zu ruhen scheint wie auf einem Podest. Der einfache Rohrstuhl, in dem das Mädchen noch zu versinken schien, scheint nun fast etwas zu klein, angesichts einer solchen Mannsfigur. In diesem Stuhl kann sich der Postbote nicht schräg zur Seite drehen, um seinen Portraitisten anzusehen, die Armlehnen sind im Weg. Und so entfernt van Gogh einfach die rechte Armlehne aus dem Bild und läßt seinen Freund den gesamten Platz zwischen der linken Lehne des Stuhls und dem grünen Tisch auf der anderen Seite einnehmen.

          Da sitzt der Postbote also, massig, würdevoll, in etwas gezwun- gen wirkender Pose, den Oberkörper leicht vorgebeugt, die ruhenden Arme unsymmetrisch weit abgespreizt, die großen Hände in verlege- ner Untätigkeit auf ihren Unterlagen. Die Uniformjacke ist, mit der doppelten Reihe goldfarbener Knöpfe, sorgfältig geschlossen, schnürt den Körper ein. Je ein aufgestickter, weit geschwungener Schnörkel an beiden Ärmelenden lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was aus den Händen dieses gewissenhaften, gutmütigen Mannes an jedem Werk- tag zu empfangen ist, und was der Maler bekanntlich so sehr zu schätzen weiß. Die königsblaue Uniform des Beamten hat Vincent, genau wie die Kanten des Tisches und des Rohrstuhls, mit dicken, schwarzen Linien konturiert, und natürlich muß der Postbote auch die Mütze aufbehalten, die ihn erst eindeutig ausweist, durch seine frontale Aufschrift: Postes.

          Roulin sitzt vor einem einfarbig hellblauen Hintergrund, der nicht den Eindruck von Raumtiefe aufkommen läßt. Auch der Rohrstuhl, dieses eigentlich so klare, gegenständliche Objekt, ist vom Maler so sehr verzeichnet, daß eher ein flächiges, allein in den beiden Dimen- sionen der Leinwand existierendes braunes Rohrgeflecht übrigbleibt. Nicht nur, daß auf der rechten Seite die Lehne fehlt; wo es van Gogh paßt, wo es ihm etwa auf den Kontrast zum dunklen Blau der Uniform ankommt, übermalt er die Stangen einfach mit der hellblauen Farbe des Hintergrunds. Und auch die Perspektive verzeichnet der Maler: unter dem Stuhl ist das Rot des Kachelbodens seines Ateliers sichtbar, was dem Betrachter dieser Bildpartie suggeriert, er stünde keinen halben Meter von dem Portraitierten entfernt, stürzte beinahe über ihn.

          Allein durch die schwarzen Konturierungen auf der blauen Uniform deutet der Maler so etwas wie Räumlichkeit an, wenigstens als dreidimensionale Formung des menschlichen Körpers. Hier sind, wenn auch sehr summarisch, Falten zu erkennen, Raffungen, Schattenpar- tien. Aber in anatomischer Unmöglichkeit ragt die Hand aus dem auf den dunkelgrünen Tisch gelegten Ärmel, wie gebrochen. Der sichtbare Teil des Unterarms ist mit leuchtend gelben Linien konturiert, der Handrücken mit solchen von hellem Blaugrün, die Finger mit roten.

          Die dicken, schwarzen Konturlinien verhindern aber nicht, daß die Bildfarben von einem Gegenstand auf den anderen übergreifen: so fällt das Grün des Holztisches in die Partien der Uniform ein, mischt sich dort unter das dunkle Blau, liegt auch auf dem roten Kachelboden. Und im Gegenzug strahlt das Blau des auf dem Tisch liegenden Ärmels in das umgebende Hellblau des Hintergrunds ab, wie der optische Reflex eines kräftigen Armes, der, dauernde Tätigkeit gewohnt, hier nicht so recht zu völliger Ruhe gelangen will.

 

 

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